Antoniuskapelle
Antonius-Kapelle
Hinter dem nördlichen Dorfeingang - dort wo einst die Obertsroter Nagelschmiede stand - biegt ein Weg ab in ein herrliches Seitentälchen. Er führt den Ätzenbach entlang; rechter Hand liegt das Schloss Eberstein. Romantischer Bergwald winkt uns entgegen. Ein Viertelstündchen Wegs und schon grüßt die niedliche Kapelle herüber. Der kleine Dachreiter, welcher malerisch aufgesetzt ist, macht das Bild eindrucksvoll. Nach sagenhafter Überlieferung war an der Stelle, wo sich die Kapelle erhebt, vor vielen hundert Jahren eine breitästige Eiche gestanden. Ritter und Edelfrauen von Eberstein sollen hierher ihre Spaziergänge gemacht und sich ergötzt haben am Treiben des Jagdwildes. Eines Tages kamen sie auf den Gedanken, den Eichbaum mit einem heiligen Bild zu schmücken. Es war das Bildnis des heiligen Antonius. Von da an pilgerten viele Leute vom Schloss und vom nahen Obertsrot zur Antoniuseiche, um hier dem Heiligen ihre Seelennot anzuvertrauen.
Es kamen aber andere Zeiten; die Flößerei kam in Schwung, und fremder Einfluss verdarb die heimischen Sitten. Gewinnsüchtige Holzhacker vom Dorf fällten Stamm um Stamm, um die nimmer satt werdenden Schiffersägen zu füttern. So machten sie sich eines Tages auch an die Antoniuseiche heran. Sie setzten ihre Äxte an, hieben den mächtigen Stamm durch - zogen, rissen und zerrten - aber die Eiche blieb stehen, obwohl ihr jeder Bodenstand fehlte. Da entfernte einer der Holzhacker behutsam das Bild - und jetzt fuhr der Baum krachend zu Boden.
Fromme Dorfleute erstellten an der Stelle ein Christusbild und setzten dahin ihre Wallfahrten - zumeist in der Bittwoche - fort. Um 1700 soll schon ein Christusbild im sogenannten Heidernell gestanden haben. Nach Gemeinderatsbeschluß und Einwilligung der Bürgerschaft hat man ein kleines »Gebeite« über das Bild gebaut, eine Kapelle, die an hundert Gulden Kosten verursacht hat.
Genauere Angaben stammen aus den Jahren 1849 und 1850, wonach der genaue Baubeschrieb der heute noch stehenden Kapelle näher aufgeführt ist.
Da die Gemeinde dafür kein Geld hatte, mussten die genußberechtigten Bürger des Dorfes Obertsrot für den gesamten Bau aufkommen. Was an Geld noch mangelte, durfte dem Opferstock aus der Erharduskapelle an 6 Kollektentagen entnommen werden. Rund 96 bare Gulden brachten die Bürger selber auf, dazu kamen an die 20 Gulden Stiftungen, und den Rest von etwa 2 Gulden trug der Opferstock. Damit ist die Kapelle im Heidenell ureigener Besitz der Bürger geworden.
Vorhandene Handwerkerrechnungen zeigen uns, welche Handwerksleute in Obertsrot und im nahen Gernsbach damals existierten:
- Zimmermann Roman Götz, Obertsrot, 24 fl,
- Maurer Sebastian Holzapfel, Obertsrot, 38 fl,
- Isack Neter, Gernsbach, für Nägel, 1 fl 36 kr,
- Glaser Friedrich Deuchler, Gernsbach, 12 fl 40 kr,
- Schlosser Jakob Maisch, Gernsbach, 9 fl,
- Schreiner Johannes Miller, Gernsbach, 5 fl,
- Steinhauer Ferdinand Sankowitsch, 24 kr,
- Lorenz Hasenohr, für Holzlieferung, 22 fl 30 kr.
Im Frühjahr 1851 stand die Kapelle fertig da, und es begannen die ersten Wallfahrten dorthin. 1859 wurde behördlicherseits die Erlaubnis zur Einweihung erteilt und am 22.Juli 1860 - an einem Sonntagnachmittag - feierlichst vorgenommen.
Im Dachreiter hängt noch das Antoniusglöcklein - ohne Inschrift und Jahreszahl. Es hat, als zu Kriegszeiten die Glocken der Dorfkirche abgeliefert waren, Aushelferdienste drunten in der neuen Kirche getan und ist getreu der Überlieferung nach der Neubeschaffung der Glocken wieder an seinen alten angestammten Platz getragen worden.
Im Jahre 1950 wurde die St.-Antonius-Kapelle von Grund auf renoviert. Wertvolle alte Erinnerungsstücke wurden in den restaurierten Bau eingegliedert. Heute ist die Kapelle nicht nur ein stiller Ort zur Besinnung, sie ist auch Wanderziel geworden, weil ihre einzig schöne Lage dazu aufmuntert.
Friedrich Fortenbacher

