Liebfrauenkirche Gernsbach
Bis heute bestimmt die Liebfrauenkirche das Stadtbild von Gernsbach, gleich von welcher Richtung man sich der Stadt nähert. Auf dem höchsten Punkt der Stadt gelegen grüßt der mächtige Turm mit seinen roten Eckquadern weithin. Die in Sandstein gehaltenen Einfassungen der hohen Kirchenfenster betonen die Größe des markanten Bauwerks.
An der Nordseite der Kirche befindet sich das Eingangsportal. Im Spitzbogenfeld darüber, im Tympanon, ist auf der linken Seite ein Kopf mit einer Bischofsmütze und daneben Hörner, die Ebersteiner Rose (links) und das badische Wappenschild Seite an Seite angeordnet, beides deutet auf die Erbauer der Kirche hin.
Nicht gesicherte Anfänge
Die Ursprünge der heutigen dreischiffigen Pfeilerbasilika sind in der Ebersteiner Herrschaft zu suchen. Ob es einen Vorgängerbau einer Kapelle zu einer vermuteten Burganlage gegeben hat, ist bis heute nicht erwiesen.
1388 wurde von der Ebersteinerin Margarethe, geb. von Erbach, Witwe des Grafen Wilhelm II. von Eberstein, und dem Markgrafen Rudolf VII. von Baden die Kirche „zu unserer lieben Frau" gebaut. Zu jener Zeit bestand das Kondominat über Gernsbach, das heißt, die Hälfte der Stadt gehörte zu Eberstein. Ein Schlussstein mit der Jahreszahl 1388 dokumentiert dieses Alter und befindet sich heute außen am südöstlichen Eckstrebepfeiler.
Aus den neueren Quellenauswertungen von Rainer Hennl ergibt sich, dass die Kirche wahrscheinlich als Wallfahrtskapelle entstanden ist. Eine aus dem Jahr 1487 datierten Entscheidung des Bischofs von Speyer zwischen dem Markgrafen von Baden und dem Grafen von Eberstein enthält die Aussage, die Liebfrauenkapelle sei ein capelle durch Wallefärt erhaben. In der schriftlichen Überlieferung erscheint sie erstmals 1399 als Cappelle vnser leiben Frowen. Bereits 1404 wird sie als Kirche bezeichnet, und im 16. Jahrhundert dient sie als Grablege der katholischen Linie der Grafen von Eberstein.
Wechselvolle Geschichte
Aus dem 17. Jahrhundert sind Klagen über den Zustand der Kirche überliefert. Nach dem Brand des Turmes 1626 wurden die drei zerstörten Glocken wieder beschafft, doch der Streit über die Wiederherstellungskosten dauerte zwischen Baden und Württemberg bis 1657. Bei einer Plünderung der Stadt während des Dreißigjährigen Krieges durch französische Truppen kam auch die Kirche nicht unbeschadet davon.
Im 18. Jahrhundert mehren sich die Stimmen über den ruinösen Zustand der Kirche.
Renovierungen
Erst im Jahre 1833 erfolgten eine umfassende Restaurierung und eine erhebliche Erweiterung der Kirche. Damals wurden den vier westlichen Jochen drei weitere hinzugefügt.
In den Jahren 1970/71 erfuhr die Liebfrauenkirche eine grundlegende Renovierung. Der spätgotische Raum wurde mit modernen Elementen verbunden, so dass „einfache Würde und künstlerische Schönheit" zu bestimmenden Faktoren wurden. Die spätgotische Ornament-Malerei im Gewölbe des älteren Teils der Kirche wurde freigelegt und in den neueren Teil übertragen. 1972 erfolgte die feierliche Einweihung der renovierten Kirche.
Eine weitere Renovierung fand im Jahr 1996 statt. Damals wurde das Dach des Kirchenschiffes neu gedeckt und die Kirche bekam einen neuen Anstrich. Umfassend war die Renovierung des Turms, außerdem wurden Zeiger und Ziffernblatt der Uhr ausgebessert.
Für die scheuen Vögel wie Eulen und Falken, aber auch für Fledermäuse wurden bauliche Vorkehrungen getroffen, so dass ihre Brutstätten im Dachstuhl der Kirche bestehen bleiben konnten.
Durch Blitzschläge und Stürme hatten das Kreuz und der Wetterhahn eine gefährliche Neigung eingenommen. Das Kreuz, das alleine ein Gewicht von 67 kg hat, wurde feuerverzinkt und die Kugel neu vergoldet. Bei der Wiedererrichtung des Kreuzes hat Architekt Alexander Schiel unter dem Kreuz Schriften versenkt, u.a. mit dem Namen der Firmen, die an der Renovierung beteiligt waren, wie auch aktuelle Münzen.
Im Innern der Kirche
Nach dem Betreten der Kirche ist man von den monumentalen Sandsteinsäulen gefangen. Die hohen massiven Pfeiler geben dem große Gotteshaus Struktur und teilen das Innere in ein Mittelschiff und jeweils ein Seitenschiff. Das heutige Mittelschiff weist eine Breite von 9,75m auf. Dabei strahlt die Höhe und die Weite des Raumes wohltuende Ruhe aus. Ein Ort, an dem man sich sammeln und im Gebet finden kann.
Zahlreiche kunsthistorische Besonderheiten befinden sich im Innenraum.
Das bedeutendste Glasgemälde der Kirche findet sich an ihrer Nordseite: Die dreiteilige Kreuzigungsszene stellt Maria und Johannes dar, beide um den Gekreuzigten gruppiert. Im Fenster daneben ist die Halbfigur eines Ritters zu sehen, vermutlich der Stifter des wertvollen Glasgemäldes, welches aus der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts stammt. Neben dem inneren Zugang zur Turmhalle stehen drei spätgotische Figuren, der Heilige Christophorus, der Heilige Sebastian und der Heilige Georg, die erstmals 1488 erwähnt werden.
Aus dieser Zeit stammt auch das Weihwasserbecken, das heute in der Turmeingangshalle steht. Der Schaft des Beckens stellt einen Baumstamm dar, dessen wildes Astwerk das kreisförmige Becken umfasst. Ein ebenfalls dort befindliches Sandsteinrelief, das vor der Renovierung die Nische des Heiligen Grabes schmückte, wird dem 15. Jahrhundert zugeschrieben. Zwischen drei schlafenden Wächtern erheben sich halb schwebend zwei kleinere Figuren, die Hände wie zum Gebet erhoben. Zwischen beiden ist eine Waage als Kaufmannszeichen zu entdecken. An der Stirnseite des nördlichen Seitenschiffes befinden sich Bildtafeln mit den Motiven von Jesus als Lehrer der Wahrheit und den vier großen Kirchenvätern des christlichen Altertums (Hieronimus, Ambrosius, Augustinus und Gregor). Vor der Renovierung waren diese Holzarbeiten Teile der Kanzel. Auf der anderen Seite des Altars hat die neugotische Marienstatue ihren Platz auch nach der Renovierung wieder erhalten.
Im Mittelschiff, am südwestlichen Pfeiler, findet sich ein Epitaph des Caspar Bitzberger für seine früh verstorbenen Kinder (Marmor, nach 1733).
Nach der Renovierung der Kirche 1970/71 erhielt die wohl Anfang des 16. Jahrhunderts entstandene Pieta im neu gestalteten Altarraum ihren angemessenen Platz. Nachdem zwei Ölfarbenschichten beseitigt worden waren, zeigt sie sich wieder in ihrer ursprünglichen Farbgebung. Die Altarleuchter, das große Altarwandkreuz sowie der Tabernakel sind kostbare Arbeiten aus der Werkstatt des Goldschmieds Herbert Kämper aus Elchesheim und prägen heute den Altarraum.
Mehrere Grafen von Eberstein sind in dieser Kirche begraben. Die Grabplatte des Grafen Hans Bernhard von Eberstein (gestorben 1574) und die Grabplatte der Frau Anna Alexandria von Fleckenstein (gestorben 1610) finden sich jeweils in den Seitenschiffen.
Am Abgang zur Sakristei befindet sich ein gewebtes Bild der Partnergemeinde aus Lima, Peru. Dies erhielt die Gernsbacher Katholische Gemeinde bei einem Besuch aus Lima als Zeichen der Verbundenheit.
Der Kirchturm
Der Turm ist der älteste Teil der Kirche und gehört ursprünglich zur Befestigungsanlage Gernsbachs. Seine Mauerstärke beträgt im unteren Bereich fast 2,10 Meter. Die Eingangshalle unter dem Turm schließt direkt an die Stadtmauer an.
Die Glocken
Die Josefsglocke ist die älteste erhaltene Glocke der Kirche. Die anderen vier großen wurden 1950 bei Grüninger in Villingen gegossen.
Glocken:
- Heiliger Erzengel Michael
- Maria Mater Dolorosa
- Heiliger Schutzengel
- Seliger Bernhard von Baden
Um die Kirche herum
Die Sandsteinmauern um die Kirche herum, Richtung Storchenturm sowie um den Pfarrgarten, sind Reste der ehemaligen Befestigungsanlage der Stadt.
Hinter der Kirche befindet sich heute der Pfarrgarten, der zu Festen und geselligen Zusammenkünften der Gemeinde benutzt wird. Auf der Wiese finden sich im oberen Teil Rosenbüsche, die beim ersten Besuch aus der Partnergemeinde aus Lima gepflanzt wurden. Der Apfelbaum im unteren Teil wurde von Kommunionkindern gesetzt.
In diesem Bereich befinden sich auch mehrere historische Grabmale.
An dem südlichen Eckpfeiler sind mehrere Hinweise auf die lange Geschichte des Gotteshauses zu entdecken: ganz oben befindet sich der Inschriftquader mit der Jahreszahl 1388 (ANO DNI M CCC LX / XXVIII, darunter kann man eine alte Sonnenuhr bewundern. Etwas tiefer sind die zwei Jahreszahlen der Renovierungen der Kirche eingelassen: 1996 und 1833.
Wenn man zurück zur Eingangstür geht, kommt man an dem kleinen Marienaltar vorbei. Gleich danach findet sich der Zugang zur Sakristei, wobei insbesondere die Eisentür aus dem 16. Jahrhundert beachtenswert ist.
An der Westseite des Turmes findet man eine zugemauerte, ehemalige Tür der Kirche von 1388, ebenso wie ein zugebautes Rundbogenfenster.
Wie Pfarrer Heinz Marbach in der Würdigung der Liebfrauenkirche schrieb, ist sie „ein altehrwürdiges und doch modernes Gotteshaus, das Wärme ausstrahlt und den Gottesdiensten einen festlichen Charakter verleiht – ein Gotteshaus, das zum Beten und zur Meditation einlädt“.
Die Patronin der Kirche ist Maria zu den sieben Schmerzen, deren Gedenktag im katholischen liturgischen Kalender am 15. September begangen wird. Dabei wird insbesondere dem Mitleiden Marias als Mutter und Verkörperung der Kirche und Vorbild für alle Glaubenden gedacht.
Regina Meier
Siehe auch
Rainer Hennl, Gernsbach im Murgtal, Kohlhammer Verlag, Stuttgart, 2006
Kunstführer Liebfrauenkirche Gernsbach, Verlag Schnell & Steiner, Regensburg, 2001

