Die Klingelkapelle

Zwischen Gernsbach und Obertsrot liegt am linken Murgufer die Klingelkapelle. Sie gehört zur Pfarrgemeinde Liebfrauen Gernsbach und ist seit alters her der Mutter Gottes, Maria, geweiht.  

Aktuelle Aufnahme 2011Aktuelle Aufnahme 2011
Aktuelle Aufnahme 2011

Einst gabelte sich an dieser Stelle der Weg hinauf zu Schloss Eberstein und nach Obertsrot, als sich die Hauptverbindung ins hintere Murgtal noch auf der linken Murgseite befand.  

Archiv-AufnahmeArchiv-Aufnahme
Archiv-Aufnahme

Ursprünge reichen über 500 Jahre zurück

Die Ursprünge des Gotteshauses sind bis in das Jahr 1500/1501 zurückzuverfolgen. Im Jahr 1505 wurde diese Kapelle von dem speyrischen Weihbischof Heinrich Schertlin von Leonberg eingeweiht. 1)
Gebaut aus Spenden „frommer Gutthäter“ erhielt sie damals den Namen „Maria zur Eiche“. Der Name Klingelkapelle stammt wahrscheinlich von dem Wort Klinge, ein Fachausdruck in der Landschaftskunde für einen engen, steilen Taleinschnitt, der sich durch einen Bachlauf gebildet hat.

1623 beauftragten der Markgraf Wilhelm von Baden und Hochberg und der Freiherr Christoph Franz zu Wolkenstein einen hölzerner Neubau. In den Archiven ist von einer regen Wallfahrtstätigkeit die Rede.
Doch wegen Baufälligkeit musste dieser Bau schließlich 1701 abgebrochen worden und erst 1706 wurde die „Capell unßrer Lieben frawen … zum finsteren Klingel“ wieder neu errichtet, diesmal aus Stein. Aus dem 18. Jahrhundert ist auch überliefert, dass sich neben der Kapelle eine Eremitei befand, worin ein Mönch den Dienst in der Kapelle betreute. 2)  

Schrift / Ausschnitt aus den UrkundenSchrift / Ausschnitt aus den Urkunden
Schrift / Ausschnitt aus den Urkunden

Um die Klingelkapelle ranken sich viele Sagen. So gibt es auch zahlreiche überlieferte Geschichten von dem historischen Eichenbaum, der sich heute noch in der Kapelle befindet sowie auch die Sage von dem Einsiedler, der von dem feinen Ton einer hellen Glocke in einer Eiche vor einer Versuchung gerettet wurde und daher aus Dankbarkeit eine Kapelle errichtete.  

Der Neubau 1851/53

1809 wurde das Wetterdach durch eine hölzerne Vorhalle ersetzt, weitere Ausbauten folgten im 19. Jahrhundert. Schließlich überlegte man sich einen völligen Neubau. Der alte hölzerne Bau wurde abgerissen und schließlich durch Baumeister Belzer aus Weisenbach ein steinernes Haus neu aufgebaut. Im neugotischen Stil wurde der Steinbau 1851-53 errichtet.
Bei der feierlichen Einweihung der Klingelkapelle am 29. Mai 1853 schloss Carl Krebs, Dekan und katholischer Stadtpfarrer von Gernsbach, seine Ansprache mit den Worten: „ Möge dieses Haus fortan sein und bleiben ein Haus der Gnade, ein Haus des Segens und ein frommes Asyl für die Gläubigen! Möge sein Glöcklein „Friede“ stets nur ertönen lassen. – Friede für diese vor einigen Jahren so schwer heimgesuchten Gegend (Pfarrer Krebs spielte dabei auf die Revolution von 1848/49 an), Friede für die Herzen der einzelnen Menschen! Möge Jeder, der in diesem Kirchlein betet, sich heimisch finden, als im Haus des gemeinschaftlichen Vaters, und mit dem erneuten Gefühl der Liebe und Versöhnung treten in das Leben! Möge jedem Bedürftigen, jedem Leidenden, jedem Bedrängten, jedem Unglücklichen, der seinen Gott hier anruft im Vertrauen, der sich gläubig wendet an die Fürbitte der allerseligsten Mutter, - möge Jedem Hilfe, Erhörung werden, oder wenigstens Trost und frische Kraft, erneuter Muth im Lebenskampf….“  

AltarraumAltarraum
Altarraum

1859 wurde die Glocke „Maria zum Klingel“ von Schweiger Goss Rastatt gegossen, und ruft seither die Besucher zur Andacht.  

GlockeGlocke
Glocke

Regen Zulauf hatte die Kapelle auch im 20. Jahrhundert. Aus dem Jahr 1930 ist überliefert, dass aus Anlass des 500-jährigen Jubiläums der Klingelkapellen-Wallfahrten etwa 600-700 Besucher an dem Patroziniumsfest teilnahmen. Warum die Kirchengemeinde bereits im Jahr 1930 das 500-jährige Jubiläum feierte, ist nicht genauer ausgeführt, allerdings ist davon die Rede, dass „in den letzten Jahren der Besuch der Pilger erheblich gestiegen ist“. „Mehr als bisher noch treibt die Not der Zeit, die sich gerade auch im Murgtal sehr fühlbar macht, die Gläubigen zur Wallfahrt an“, erklärt sich die Pfarrei den starken Andrang zu der Klingelkapelle, auch an den Wochentagsgottesdiensten. Der Festgottesdienst zum Jubiläum wurde sogar im Freien abgehalten, und zwar so, dass der Altar und die Kanzel in der Vorhalle der Kapelle Aufstellung fand.3)  

Neuere Renovierungen

Umfangreiche Renovierungsarbeiten fanden 1977-1979 statt. Das Mauerwerk war geschädigt, Die Malereien im Innern wurden die farbigen Malereien wieder freigelegt. Die Altarfiguren, die Pieta, die Heilige Klara und der Heilige Dominikus wurden restauriert. Mit dieser Restaurierung wurde die romantische Gestaltung des Kirchleins mit der ursprünglichen Bemalung aus dem 19. Jahrhundert wieder ans Tageslicht gebracht:

Dort am Waldesrande, höret welch ein Klang
wie von Engelsstimmen tönt hell der Sang.
Wenn das Glöcklein tönet, stille hält der Schritt.
Sieh im hohlen Eichbaum, wo erklang der Ton.
Lichtverklärt die Mutter, auf dem Schoß den Sohn.
Kein Kind so lieb, kein Leid so groß, als Jesus in Marias Schoß.
Und an jener Stelle, wo die Eiche stand,
raget jetzt ein Kirchlein, Klingel wird’s genannt
und in leisem Beten, tönt die Seele mit

Aufwendige Holzarbeiten an der Decke geben dem Gotteshaus seinen unverwechselbaren Charakter. Die Wände sind mit aufwendigen Verzierungen ausgeschmückt.

Eine umfassende Sanierung fand 2008-2011 statt: zum einen wurde eine aufwendige Drainage verlegt, um die Klingelkapelle vor Wasser zu schützen. Der schadhafte Mineralputz wurde an den Innenwänden entfernt und mit einem Kalk- und Sandsteingemisch neu verputzt. Darauf erfolgte eine Schicht mineralischer Putz, erst dann konnten die alten Bemalungen wieder aufgetragen werden.

Außerdem stand eine umfangreiche Sanierung der Sandsteinaufsätze an. Dazu wurde auch die Turmspitze abgetragen und in großen Teilen neu geschaffen. Getreu nach den bestehenden wurden Krabben und Gefierte nachgebildet.
Neuer Turm der Klingelkapelle 2011Neuer Turm der Klingelkapelle 2011
Neuer Turm der Klingelkapelle 2011

Der Sandstein war im Laufe der Jahrzehnte verwittert und hatte Risse bekommen. Das Ganze gipfelte schließlich darin, dass der Turmhelm selbst nicht mehr stabil war. So mussten nicht nur beschädigte Teile ersetzt werden, vielmehr musste die gesamte Statik einer Neuberechnung unterzogen werden. Die Aufhängung der Glocke muss völlig neu gemacht werden. Auch das Dach musste teilweise neu abgedichtet werden.
Aus Sicherheitsgründen war die gesamte Kapelle durch einen Bauzaun abgeriegelt, zu groß war die Gefahr durch herabfallende, lose Teile.

Schäden an der Kapelle - vor der Renovation 2011Schäden an der Kapelle - vor der Renovation 2011
Schäden an der Kapelle - vor der Renovation 2011

Mitten in den Sanierungsarbeiten wurde das Vorkommen einer seltenen Fledermausart in dem Kirchturm entdeckt. Sogleich wurden die Handwerker-Arbeiten eingestellt und die Brutzeit der gefährdeten Tiere abgewartet. Erst danach wurden die Renovierungsarbeiten fortgesetzt und die Voraussetzungen geschaffen, dass sich die scheuen Tiere auch in dem renovierten Turm wieder heimisch fühlen können.

Hergerichtet wurde auch wieder die Glockenaufhängung, so dass die berühmte Glocke wieder mit dem traditionellen Seilzug von Hand geläutet werden kann. An einem seidenen Faden hing das Schicksal dieser Glocke im Jahr 1940, damals mussten sämtliche Bronzeglocken gemeldet werden, die Kriegsereignisse forderten ihren Tribut. Doch vielleicht war die 37 cm Durchmesser umfassende Glocke doch nicht groß genug. Trotz der Androhung im Januar 1942, die Glocke abzumontieren, musste Pfarrer Ernst Bernauer dies letztlich doch nicht tun und die Glocke blieb der Gemeinde erhalten. Und noch immer ruft sie mit ihrem hellen H-Ton zum Gottesdienst.

Mutter Gottes mit JesuskindMutter Gottes mit Jesuskind
Mutter Gottes mit Jesuskind



Regina Meier

1) Siehe auch Rainer Hennl, Gernsbach im Murgtal, s. 238 f., 2006
2) Kunstdenkmäler des Landkreises Rastatt, S. 167ff.
3) Schreiben an das Erzbischöfliche Ordinariat vom 10.9.1930, Pfarrgemeinde Gernsbach
4) Meldebogen für Bronzeglocken der Kirchen, 6. Juni 1940